UniNews
#farawaysoclose: Unruhige Zeiten in den USA
Ein Campus in Minecraft nachgebaut, eine Universität, die bedürftigen Studierenden Essenspakete verteilt: PhD-Student Florian Hofer über den Covid-Lockdown im kalifornischen Berkeley.
Der Westen Amerikas, der Bundesstaat Kalifornien, bietet dem PhD-Studenten im Fachbereich Informatik, Florian Hofer, einen etwas sanfteren Lockdown als man ihn etwa in New York derzeit erlebt, dem amerikanischen Epizentrum der Pandemie. Seine ursprünglich auf drei Monate angelegte Zeit als Visiting Researcher an der bekannten University of California in Berkeley dehnt sich derzeit bereits auf 5 Monate aus.
„Es fühlt sich schon etwas eigen an, im sonnigen Kalifornien zu wohnen und doch keine richtigen Ausflüge unternehmen zu können“, sinniert der Meraner, der das Gefühl mit jenem vergleicht, im Urlaub zu erkranken und die Zeit im Hotelzimmer verbringen zu müssen. „Eigentlich wollte ich bereits zu Ostern wieder zuhause sein, nun ist mein Flug für Ende Juni geplant – und gerade wieder storniert worden. Dass es für ihn der zweite Aufenthalt in Berkeley ist, tröstet ihn ein wenig darüber hinweg, dass er dieses Mal nicht viel von den herrlichen Stränden sieht. „Vergangenes Frühjahr erlebten wir hier eine schlimme Regensaison von Februar bis Ende April, und im darauffolgenden Sommer teilweise Schließungen der Universität wegen der einsetzenden Brände und der Rauchentwicklung.“
Im Zeichen von Covid-19 hat die Universität von Berkeley stufenweise reagiert: Anfang März wurden an allen Eingängen Desinfektionsspender aufgestellt, in der Folgewoche alle Vorlesungen digitalisiert und nur noch Laboratorien zugelassen. „Der Shutdown erfolgte mit 18. März – ab diesem Zeitpunkt war uns Doktoranden der Zugang zu allen Gebäuden nur noch durch explizite Erlaubnis des Vize-Präsidenten für Forschung erlaubt und alle Prüfungen wurden in Pass/Fail geändert. Auch die Fristen für die Dissertationsabgabe und die Bezahlung der Unigebühren wurden auf August verschoben“, fasst der 39-Jährige die Situation zusammen.
Er selbst sieht die derzeitige Lage gelassen und ohne Angst, vielleicht auch, weil sein Leben schon so manch ungewohnte Wende genommen hat. „Nach der Matura habe ich 12 Jahre lang im Bereich der Industrieautomation und Erneuerbaren Energien gearbeitet, bis mir klar wurde, dass ein berufliches Weiterkommen ohne eine vertiefte Ausbildung nicht möglich wäre“, blickt Florian zurück. Daher schrieb er sich zuerst in ein Bachelor-Programm im Mixed-Mode aus Präsenz- und Onlinevorlesungen in Rom ein und büffelte auf Geschäftsreisen abends im Hotel. „Über den Open Day der Uni Bozen, den ich eher zufällig auf dem Weg in die Unibibliothek erlebte, begeisterte ich mich für ein Masterstudium in Informatik. Dem folgte dann übergangslos mein PhD.“
Und die PhD-Ausbildung hat ihn nun auch bereits zum zweiten Mal nach Kalifornien gebracht, wo er derzeit in seiner Mietwohnung der weiteren Entwicklung harrt. „Die normalen Lebensmitteleinkäufe waren und sind aufgrund der Corona-Restriktionen kein Problem; waren Masken anfangs empfohlen, so sind sie jetzt ein Muss. Eigene Taschen und Rucksäcke dürfen nicht mehr in die Supermärkte gebracht werden, es ist nunmehr alles auf Wegwerftaschen umgestellt worden. Auch die Restaurants waren nie richtig geschlossen sondern stellten auf Take-away um.“ Da in Amerika die Lebenssituation sehr fragil ist – wer seine Arbeit verliert, verliert kurze Zeit später auch die Krankenversicherung und steht nicht selten bald auf der Straße, kämpfen die Leute darum, im Geschäft zu bleiben. Für Kalifornien sei aber zu sagen, dass der Bundesstaat einer der sozialen Inseln Amerikas sei, da die medizinische Grundversorgung garantiert werde. „Zudem hat unsere Universität mit ihren verschiedenen Organisationen begonnen, bedürftigen Familien und Mitarbeitern wöchentlich kostenlos Grundnahrungsmittel zu stellen. Verschiedene Uni-Clubs veranstalteten virtuelle Kaffeerunden und Aperitifs, und - was großartig ist - es wurde aufgrund der Isolation über Zoom eine kostenlose psychologische Betreuung organisiert.“
Überhaupt sticht ein Wesensmerkmal der Amerikaner ins Auge – die schnelle Anpassung an neue Situationen. Stapeln sich im Hauseingang von Florian Hofers Mietblock derzeit die Pakete, weil jeder nur noch online bestellt und „allein Amazon eine Woche nach dem Lockdown 100.000 Arbeitsplätze ausgeschrieben hat, was bezeichnend für den Erfolg der Sparte ist“, haben Studierende von Berkeley zusammen mit dem Präsidenten der Uni eine virtuelle Abschlusszeremonie für die Absolventen 2020 im Online-Spiel Minecraft organisiert. „Dazu haben die Studierenden in zahlreichen freiwilligen Sunden den gesamten Uni-Campus in Minecraft nachgebaut, dort Blockeley University genannt, inklusive der Innenansicht der Gebäude“, erzählt Florian. Ansehen kann man sich deren Arbeit hier: Blockeley.com Berkeley News Video (startet bei Minute 33).
Wäre Amerika demnach ein Traumland für den Doktoranden? Auf die Frage hin muss er etwas überlegen. „In vielerlei Hinsicht sind die USA ein Traumland, aber ich sehe auch, wie schnell der amerikanische Traum zerbrechen kann, man denke nur an die Koppelung von Sozialversicherung und Arbeitsplatz. Ich könnte es mir schon vorstellen, einige Zeit für Branchenriesen wie Microsoft oder Google zu arbeiten, ich bewundere die starke Philosophie der Firmen, an deren Firmensitz sich tagsüber das komplette Leben abspielt, mit Restaurants, Sportmöglichkeiten ecc. Ein ganzes Leben in den USA wäre für mich aber undenkbar.“ Unser Gespräch fällt in die Zeit des Todes von George Floyd, weswegen derzeit nächtliche Ausgangssperren verhängt wurden und das Land in Aufruhr ist.
Zudem hat Florian Hofer in der Vergangenheit schon öfters hinter die Kulissen des Landes geblickt hat. „Wenn man früher amerikanische Filme gesehen hat, konnte man beobachten, wie leicht die Türen einzutreten waren, wie fragil deren schnell gebauten Holzhäuser sind.“ Dass dies aber sehr wohl der Realität entspricht, sah Florian schon bei früheren USA-Aufenthalten: „Ich fühle mich in Südtirol besser aufgehoben.“
(vic)